„Es ist bizarr“: Investigativchefs kritisieren VW-Recherche deutscher Medien

Die Investigativ-Chefs von „Zeit“ und „Süddeutscher Zeitung“, Holger Stark und Nicolas Richter, räumen ein Versagen investigativer Journalisten bei der Aufklärung der Volkswagen-Abgasaffäre ein. Deutsche Reporter haben davon nur Kenntnis bekommen, weil es Recherchen in den USA gab, sagt Stark im Titelinterview der Februarausgabe von „medium magazin“: „Wir brauchen mehr investigative Journalistinnen und Journalisten, nicht weniger.“ Richter bezeichnet es als „bizarr“, dass zuvor nichts aufgefallen sei. Er kündigt hartnäckige Recherchen seines Investigativteams an: Der VW-Konzern habe lange an dem Märchen festgehalten, dass nur ein kleiner Zirkel von Ingenieuren außer Kontrolle geraten sei. „Wir möchten jetzt genau heraus finden, wer wann was gewusst hat“, sagt Richter.

Beide Journalisten betonen in dem gemeinsamen Gespräch, wie wichtig es für Journalisten heute sei, sensibel mit seinen eigenen Daten im Internet umzugehen. „Nicht nur amerikanische, sondern auch deutsche Dienste halten Ausschau nach Datenspuren“, sagt Stark. „Damit steigt die Gefahr, dass Informanten auffliegen.“ Es sei wieder üblicher geworden, sich „old school“ zu treffen, um einen USB-Stick zu überreichen. „Dafür muss man unterwegs sein, oft sogar für ein einziges Gespräch verreisen. Das ist anstrengend, teuer, aber notwendig.“ Die Machenschaften des amerikanischen Geheimdienstes NSA hätten auch die erste Kontaktaufnahme mit Tippgebern erschwert, berichtet Stark: „Kontakte sagen ganz offen, dass sie bestimmte Vorgänge lieber nicht am Telefon erörtern wollen – anders als früher.“

Manche Gesetze für die innere Sicherheit erschweren den Schutz von Informanten, erzählt Richter im „medium magazin“-Gespräch. „Man muss das realistisch sehen: Der Staat hat generell kein großes Interesse daran, dass alles enthüllt wird, was er macht.“ Und weiter: „Ich gehe nicht davon aus, dass der Staat in nächster Zeit der große Partner des investigativen Journalismus wird.“ In den USA unter Präsident Trump erkennt Richter zwei Entwicklungen: Die Reizfigur Trump bringe Menschen dazu, eine Zeitung zu abonnieren. „Die Wächterrolle der Presse wird gerade neu entdeckt“, sagt er. Zugleich stehe der US-Journalismus wirtschaftlich enorm unter Druck. „Es ist einfach nicht mehr genug Personal da.“

 

 

Das Gespräch mit Holger Stark und Nicolas Richter, geführt von Daniel Bouhs, ist Titelgeschichte von „medium magazin“ 2-2017, Seite 24-29. Es ist digital im iKiosk verfügbar und kann gedruckt einzeln gekauft oder abonniert werden.