Medium Magazin 09/2016

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Unsere Geschichten auf einen Blick
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EDITORIAL / Annette Milz, Chefredakteurin

Schwierige Balance

Ein Rechtfertigungsjournalismus greift um sich. Das hilft nicht gegen das Glaubwürdigkeitsproblem.

Vor genau einem Jahr titelten wir einen Schwerpunkt: „Flüchtlingsdrama: Die Stunde der Medien“. Damals, in „medium magazin“ 9/2015, schrieb ich: „Den Schwachen eine Stimme zu geben, ist ureigenste Aufgabe von Journalismus. Jetzt kommt eine neue Dimension hinzu: die schweigende, die eigentlich starke Mehrheit der hilfsbereiten Deutschen zu öffentlichen Bekenntnissen zu ermutigen.“

Gerade erst hatte damals der „Spiegel“ über „Dunkles Deutschland – helles Deutschland“ geschrieben und „Bild“ seine Kampagne „refugees welcome“ gestartet. Noch aber waren die vielen Hilfsaktionen und stillen Helfer in den Medien gar nicht angekommen. Die freie Journalistin Birte Vogel, die aus privater Initiative heraus das Portal wie-kann-ich-helfen.info gegründet hatte, stand damals weitgehend allein damit (siehe mm 9/2015).

Ist das wirklich erst ein Jahr her? Die Anschläge in Paris, Nizza, die Silvester-Übergriffe in Köln, die Attentate in Würzburg und München – ob mittelbar oder unmittelbar dem Flüchtlingsthema zuzuordnen – haben das Klima in dieser Republik dramatisch verändert. Und die Spaltung der Gesellschaft hat auch den Journalismus erreicht. Wechselseitig mit dem Finger auf andere zeigen – nach dem Motto: „Die haben damals auch das Problem schöngeschrieben“ –, ist keine Seltenheit mehr. Die hasserfüllten Angriffe auf Medien, die positiv über Flüchlingsinitiativen schreiben, zeigen Wirkung. Auch im Kleinen. So wie neulich, in einem Fernsehbeitrag über die Situation in einer süddeutschen Kleinstadt, in der Offzielle wie Helfer über gelungene Integrationsmaßnahmen sprachen. Dann aber hieß es in der Abmoderation: „Das war ein positives Beispiel. Es gibt sicher auch andere. Wir werden auch darüber berichten.“

Es will sich keine richtige Balance einstellen in der Berichterstattung über das Gute und Schlechte in den Folgen der Flüchtlingsdramas. Stattdessen greift ein Rechtfertigungsjournalismus um sich, der die Glaubwürdigkeitskrise der Medien eher verschärft statt lindert.
Was also tun? Zarte Anfänge sind immerhin zu beobachten im Bemühen um mehr Transparenz im Journalismus. Die Berichterstattung nach dem Anschlag in Nizza zeigte das beispielhaft: „Was wir wissen und was wir nicht wissen“ – ein vorbildliches Format, das inzwischen online auf immer mehr Medienseiten zu finden ist (Seite 44).

Das Thema Transparenz, Glaubwürdigkeit und die Frage nach dem Umgang mit Echtzeitinformationen bei Ereignissen mit unsicheren Faktenlagen zieht sich durch diese ganze Ausgabe: Daniel Bouhs und Jens Twiehaus berichten über die Livestream-Problematik (Seite 30). Inge Seibel hat Richard Gutjahr zu den Folgen seiner Berichterstattung aus Nizza und München befragt (das Interview mit ihm ausnahmsweise frei zugänglich hier in ganzer Länge) und Robert Domes die Regionalzeitungen nach den Reaktionen vor Ort (Seite 40). Der Blick über den eigenen Tellerrand nach Frankreich, in die USA, in die Türkei zeigt zudem, wie international das Glaubwürdigkeitsproblem der Medien geworden ist.
Umso bemerkenswerter, wie junge Journalisten und Journalistinnen ihren Beruf heute verstehen: Wir stellen Ihnen in dieser Ausgabe unsere „Top 30 bis 30“ vor mit bemerkenswerten Ambitionen (ab Seite 14).

P.S.: Das Transparenzgebot gilt auch in eigener Sache. Einer der aktuellen Top 30 ist Thomas Strothjohann, bis vor kurzem Mitglied der „medium magazin“-Redaktion. Zusammen mit Anne Haeming hat er bisher am Relaunch der Website von „medium magazin“ gearbeitet. Doch seit ein paar Monaten ist er fest angestellter Entwicklungsredakteur bei Zeit Online. Wir haben ihn schweren Herzens ziehen lassen. Der Vorschlag, ihn zu den Top 30 zu küren, kam aber von außerhalb. Nur, in diesem Fall wussten wir aus eigener Erfahrung ganz sicher, dass es gerechtfertigt ist.
Neu in unserer Redaktion ist Annette Walter, freie Journalistin in München. Sie porträtiert u. a. Robert Domes (Seite 56), der seit vielen Jahren auch für uns schreibt. Ende September startet der Kino lm „Nebel im August“, der auf einem Buch von Robert Domes beruht und sein freies Autorenleben durcheinanderwirbelt. Wir finden, das ist die ungewöhnliche Doppelrolle von Schreiber und Beschriebenem in einer Ausgabe ausnahmsweise wert.

 

Hier eine kostenlose Vorschau aufs Top30-Jubiläums-Heft: