Medium Magazin 03/2016

Inhalt

Unsere Geschichten auf einen Blick
Inhalt

EDITORIAL / Annette Milz, Chefredakteurin

Es geht jetzt um etwas

… um eine neue Definition unserer Rolle in einer polarisierten Gesellschaft. Sagen, was ist – und die eigene Unsicherheit thematisieren.

Wenn es gilt, eine zerrüttete Beziehung zu retten, raten Therapeuten gerne zu einem nicht ganz einfachen Mittel: zum Perspektivwechsel vom „Du“ zum „Ich“. Indem man ein Problem aus der „Ich“-Perspektive beschreibt, eröffnet sich beiden Seiten ein neuer Blick darauf, ohne Zwang. Denn Befehlsbotschaften à la „Du musst dies tun, du sollst das lassen“ sind oft genug Auslöser für neuen Streit.


Aktion – Reaktion, Angriff – Verteidigung, die Aggressionsmuster sind immer wieder dieselben. Das ist in der Beziehung zwischen Medien und Publikum nicht anders. Die Journalisten-Rolle des Gatekeepers ist zwar längst Historie. Aber am Bewusstsein einer „vierten Gewalt“ im Staat, die anderen sagt, was sie zu tun und was zu lassen haben, hat sich wenig verändert.

Deshalb tut uns die aktuelle Verunsicherung gut. Sie zwingt uns, unsere eigenen Positionen selbstkritisch zu hinterfragen und alte, überholte Selbstgewissheiten über Bord zu werfen. Anja Reschke sprach das bei der Ehrung als „Journalistin des Jahres“ am 15. Februar in Berlin offen aus:

„Meine Rolle ist die einer Journalistin. Aber ich merke, dass mein Kompass durcheinandergerät – dass ich nicht mehr weiß, was das ist beziehungsweise was erwartet wird. Was ist denn unsere Aufgabe? Wie sind unsere Instrumente? Was müssen wir machen? … Immer wieder stoße ich dabei auf den Satz, Journalisten sollten einfach ,Sagen, was ist‘. Das berühmte Zitat von Rudolf Augstein. Das klingt so richtig. Genau, einfach sagen, was ist. Aber, ganz ehrlich: Was heißt denn eigentlich: Sagen, was ist?“

Wie soll man umgehen mit der Situation, dass nüchterne Fakten nichts ausrichten gegen irrationale Ängste, sogar das Gegenteil bewirken: „Je mehr Fakten wir den Ängsten und Gerüchten entgegengesetzt haben, desto größer wurde die Wut, desto mehr Kommentare und Mails hab ich bekommen“, berichtete Reschke.

Bei all dem geht es längst nicht mehr nur um die „Lügenpresse“-Brüller, um die ewig unbelehrbaren, fremdenfeindlichen Hetzer. Es geht um Fragen, die sich inzwischen so viele stellen: Wie wollen wir in diesem Land weiter leben? Welche Werte sind uns wichtig – und wie stehen wir für sie ein? Und wie gehen wir Journalisten mit den Ängsten um, die so viele umtreiben im Land – und die deswegen noch lange nicht in die rechte Ecke gestellt werden wollen?

Es stimmt wohl, was Wolfram Eilenberger in Bezug auf das Flüchtlingsthema auch selbstkritisch diagnostiziert:

„Wie viele andere Magazine befanden wir uns in einer Verdrängungshaltung. Wir standen vor der Frage, wie wir uns dem Thema in all seiner Komplexität widmen können und uns zugleich einer eindeutigen politischen Positionierung entziehen. Wir wollten eine Entzweiung der Leserschaft vermeiden.“ Denn, so der Chef des „Philosophie Magazins“: „Die Flüchtlingskrise drängt uns in Haltungen des Entweder-Oder“ (s. Seite 16).

Wir haben diese Frage nach der Schere im Kopf zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe gemacht: den Vorwurf der Schwarz-Weiß-Malerei, der den Medien so oft in diesen Tagen entgegengehalten wird. Und seien wir ehrlich, nicht immer zu Unrecht. Wenn Journalisten Politikern fatalen Kurzsicht-Aktionismus vorhalten, darf die Frage erlaubt sein: Wo blieb die eigene Weitsicht, als im vergangenen Sommer die „Willkommenskultur“ jedwedes Bedenken an den Rand drängte?

Es wird Zeit, dass wir uns selbstkritisch mit unserer Rolle und auch unseren Fehlern auseinandersetzen. Anja Reschke hatte recht, als sie sagte:

„Wir können das nicht mehr machen mit der alten elitären Rolle und behaupten, wir wissen, was ist. Mein Gedanke, wenn ich diesen Preis nach Hause nehme, ist: Du sagst jetzt, was ist, und zwar, wie du es empfindest. Und du erklärst, warum du es so findest. Wir versuchen, herauszufinden, was ist, und wir versuchen, weiter diese Gesellschaft kritisch zu begleiten. Aber nicht so zu tun, als wüssten wir alles besser.“

 

PS: Die Feier haben wir mit vielen Videos der Preisträger und Laudatoren auf dieser Seite dokumentiert. Wir freuen uns auf Ihre Kommentare – ob Lob oder Tadel.

 


 

Mal kurz ins aktuelle Heft schauen? Geht hier: